Die Advents- und Weihnachtszeit: Brauchtum und volkskundliche Überlieferungen in unserer Gemeinde

Christbaum auf dem Marktplatz Untermünkheim

Martini

 

Der Martinstag oder ‚Martinsdooch‘ (11. November) war - und ist teilweise noch bis heute - bei den Bauern der Pacht- und Zinstag, und die Dorfhandwerker rechneten an diesem Tag mit ihnen für das vergangene Jahr ab. Speziell für diesen alten Feiertag wurden  ‚Martinischiffle‘, ein Hefeteiggebäck in Schiffchenform gebacken:    für die Dienstboten und natürlich  auch für die eigenen Kinder. Dem Lehrer schenkte man bis in die 1950er Jahre einen Martinibraten (Enten-, Gänse-, Hasenbraten).

In Jahren mit einer reichen Walnussernte kam zu den Kindern früher abends auch der ‚Nussmärte‘.

 

Martinischiffle

Vorsetz

In der Vorweihnachtszeit trafen sich bis in die 1920er Jahre die ledigen Mädchen 

 – alle 2 bis 3 Wochen - abwechselnd in verschiedenen Bauernhäusern am Abend zum ‚Vorsetz‘:  zum Spinnen von Schafwolle, zum  Stricken und zum Verrichten anderer Handarbeiten.  
Später am Abend gesellten sich mitunter auch die ledigen  Burschen dazu und spielten Karten. Es wurde mit der ‚Zuchorgel‘ oder der Mundharmonika musiziert und Volks- und Weihnachtslieder gesungen. Dass man an diesen  Abenden auch das Neuste unter die Leute brachte, muss nicht besonders erwähnt werden. Manchmal wurde am späteren Abend auch getanzt und so war es eine kurzweilige   Veranstal-tung für die Dorfjugend. Mostkrug und Weißbrot mit Gsälz fehlten selten.
Aufsicht über den gesitteten Ablauf des Vorsetz  hatte in der Regel der Hausvater, der in einem  Lehnstuhl am Ofen saß.

Anklopferle

 

An den drei letzten Donnerstagen vor Weihnachten fand bis in die 1950er Jahre das ‚Ouklöpferle‘ statt, und die Kinder zogen mit Einbruch der Dunkelheit truppweise von Haus zu Haus. Sie  machten sich an der Haustür durch Klopfen oder das Singen von Advents- und Weihnachtsliedern bemerkbar: ‚Macht hoch die Tür, die Tor macht weit‘, ‚Es kommt ein Schiff geladen‘, ‚Ihr Kinderlein kommet‘ … .. 

Als Belohnung erwartete sie dann Äpfel, Birnen Nüsse und Ausstecherle (Albertle), die  im mitgebrachten ‚Körble ‘ oder ‚Säckle‘ verstaut wurden. Namentlich der dritte Donnerstag – also der unmittelbar  vor dem Weihnachtsfest -  war der ‚reechte Ouklopferle‘  und die Kinder wussten von der Vorjahren, dass es an diesem Termin immer die meisten und besten ‚Brödle‘ gab: Anisbrödle, Spitzbüble und auch einmal Bärentatzen.  Man erinnerte sich genau, vor welchen Haus man besonders schön singen musste……….. Der Sprechgesang „Ouklopfe hämmerle, Broat  leit im Kämmerle, Messer leit danewe, kousch mer ebbes gewe, Äpfel raus, Biere raus, sonscht geh mr ins andre Haus, ander Haus isch gschlosse, hat mi reecht verdrosse‘ war um 1900 verbreitet. Von dieser Zeit ist ein weiterer Vers überliefert: ‚Anklopfe Hammerstiel, reiche Baure, geb mer viel, geb mer net zu weenich, bin en armer Keenich, lass mi net zu lange stehn, ich muss heit noch weiter gehn‘ . Der Inhalt der Verse zeigt deutlich,  dass das Anklopferle  ursprünglich die Bedeutung einer Nahrungsspende für die armen Dorfbewohner  in der Vorweih-nachtszeit hatte.

Hossegaul‘ – Weihnachtsgeschenk von 1914

Christkindle und Pelzmärte

Am  24. Dezember  war von der Straße her Schellengeläut zu hören und alle im Haus wussten:  ‚Christkindle‘ und der ‚Pelzmärte‘ sind unterwegs. Von den Eltern in aller Regel  bestellt, polterte es bald die Haustreppe hinauf.

Das Christkindle,  in Gestalt eines weißgekleideten Mädchens aus dem Ort, war bei den Kindern sehr beliebt. Es schenkte den Kleinen süße Backwaren und Hutzelbrot, nachdem sie ein Verschen aufgesagt hatten: ‚Christkind komm, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm‘.
Große Angst hatten sie dagegen von dem Begleiter des Christkindes, dem Pelzmärte. Er war eine regelrechte Schreckgestalt. Mit einem langen schwarzen Mantel bekleidet oder auch in Lumpen gehüllt, die Rute in der Hand,  eine  klirrende Kette um den Bauch gebunden und das bärtige Gesicht mit Ruß geschwärzt,  fragte er die Kleinen mit tiefer und lauter Stimme, ob sie denn auch brav und folgsam seien, gut lernen und auch beten. Wenig folgsame Jungen spürten durchaus auch einmal  seine Rute. Erst nachdem die Kinder gelobten,  sich zukünftig  zu bessern,  beschenkte er sie mit Äpfeln, Birnen, Hutzeln  und  Nüssen  aus seinem mitgebrachten Sack.
Das Weinen mancher  Kinder hörte erst auf, wenn der Pelzmärte – nachdem der Bauer ihm einen Schnaps gereicht hatte -  die Wohnküche wieder verließ und die Treppe hinunterpolterte
.

Übrigens: Die Rolle des Christkindle in Übrigshausen übernahm  in den 1950er Jahren  Brehms Lisa ,  die des Pelzmärte  Hanselmanns Eugen

Heiliger Abend 1937 (Haus Müller, Kupfer)

Weihnachtsbaum und Weihnachtsgeschenke

In der Advents- und Weihnachtszeit wurde in den Bauernhäusern  viel gesungen.
Das Binden und Aufstellen  eines  Adventskranzes mit roten Kerzen wurde  in den 1920er Jahren eingeführt;  zuvor legte man im Hausflur auf eine Truhe  ein Gesteck aus Tannenzweigen, das entsprechend der Adventfolge mit 1, 2, 3 oder 4 Kerzen bestückt wurde.
Den Weihnachtsbaum holte man aus dem eigenen Wald. Geschmückt wurde er mit farbigen  Glaskugeln,  die z.T. auch eingebuchtet waren und im Kerzenlicht schön funkelten.
Am Baum hingen  vor 70 Jahren  auch  bunte Glasvögelchen mit langen Schwanzfedern, Fliegenpilze aus Milchglas und versilberte Nüsse. Engelshaar (aus Glasfasern) zierte die Zweige; Lametta setzte sich erst in den 1960er Jahren durch. Als Christbaumständer diente früher ein Holzklotz, in den man ein Loch gebohrt hatte.

Weihnachtsgeschenke waren vor hundert Jahren in erster Linie nützliche Sachen: selbst gestrickte Pullover, Strümpfe und Fausthandschuhe, vielleicht auch ein Holzbaukasten für die Kleinsten. Im 3. Reich lagen für die Jungen auch Bleisoldaten, in den 1950er Jahren das Würfelspiel ‚Fang-den-Hut‘ oder die heiß ersehnte elektrische Modelleisenbahn von Märklin unter dem Weihnachtsbaum. Die Mädchen erwartete eine neue Puppe, ein von der Hausschneiderin genähtes Kleid ,  Ende der 1950er Jahren vielleicht auch schon  ein Petticoat als Unterrock, der damals  in Mode kam. In den schlechten Kriegs- und Nachkriegszeiten  half  man sich mit selbstgebastelten Geschenken aus.
Am 2. Feiertag besuchten die Kinder  die Patentante/den Patenonkel . Die ‚Doute-Sache‘ waren meist größere  Geschenke –  und in der Regel auch etwas Besonderes  zum Spielen.
Zwischen den Jahren lud der Gesangverein traditionell zu seiner Jahresfeier im Gasthaus  ein: Die Aufführung eines  kleinen Theaterstücks war in einer Zeit ohne Fernseher ein besonderer Höhepunkt .
Am Erscheinungsfest  wurde der Christbaum aus der guten Stube entfernt,  Puppenstube und ‚Hossegaul‘  wieder weggeräumt – bis zum nächsten Weihnachtsfest.

Stephanstag


Am 26. Dezember trafen sich  früher die Jungbauern  zum Pferderitt durch Dorf und die Flur;  die Tradition der ‚Steffesreiter‘ endete in der 1950er Jahren.
Für die ‚Thomasnacht‘ - der  21. Dezember ist der Thomastag -  ist für Beltersrot überliefert,  dass  die ledigen Mädchen zu erforschen suchten, ob Ihnen das neue Jahr einen Liebhaber bringt:  Mit dem Zwölfuhrschlag sollen sie gebetet haben: „Thomas, ich bitt dich, Bettstatt, dich drück ich, lass mir erscheinen, den Herzallerliebsten meinen.“
Für unsere Gemeinde ist von einem solchen Brauch  nichts  bekannt.

 

12-Nächte

Die 12-Nächte zwischen Weihnachten und dem Erscheinungsfest  waren früher  von alterlei Aberglauben bestimmt. Es gab viele böse Voraussagen und Weissagungen.
Hier eine kleine Auswahl:
Man glaubte aus der Witterung  der 12 Nächte das Wetter der 12 Monate des nächsten Jahres ablesen zu können.
Am Weihnachtsmorgen sollte kein Vieh geputzt werden.
Wer sich in den 12-Nächten die Haare schneidet, der bekommt Kopfweh; wer sich auf den Tisch setzt, die Raute (d.h. Räude=Krätze)
Man sollte sich in diesem Zeitraum auch nicht die Fingernägel schneiden, da man sonst ‚böse Finger‘  kriegt.

 

Neujahr

Das alte Jahr wurde mit einem feierlichen Gottesdienst beendet und um Mitternacht läuteten die Glocken das neue Jahr ein.
Von den jungen Burschen wurde um 24 Uhr  ‚s‘ Neujohr ougschosse‘.
Wer weiß heute noch , wie sie vorgingen, dass der Deckel einer großen Büchse mit lautem Knall wegschleudert wurde ?
Zum Morgenkaffee gab es an Neujahr traditionell den Neujahrsring, den man auch dem Nachbar mit den Worten überreichte: ‚I winsch eich a guets neus Johr‘, worauf in der Regel als Antwort zurückkam: ‚Danke, i winsch eich aa souviel‘.

Dr. Eberhard Rau

Quellen:

Auswertung der Ergebnisse volkskundlicher Untersuchungen in den Orten um 1900 (Konferenzaufsätze) und 1950 (Landesmuseum Württ., Landesstelle für Volkskunde Stuttgart)

Eigene Befragungen

Winter 1953 in Kupfer - Ortseingang