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07.02.2012 : 07:37

Die Tageslosung

Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeinde:
07. 02. 2012:
Losungstext:
Die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig; der HERR aber ist noch größer in der Höhe.
Psalm 93,4
Lehrtext:
Jesus stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille.
Markus 4,39

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Gnade genügt – die Jahreslosung 2012 aus 2. Korinther 12, 9

Was haben sie sich und anderen gewünscht zum Neuen Jahr? Vermutlich doch Glück, Erfolg, Gesundheit, schöne Erlebnisse und gute Erfahrungen. Auch wenn wir es fromm sagen und von Gottes Geleit und Segen sprechen, meinen wir doch im Grunde genau diese Dinge. Es wäre auch sehr seltsam, wenn wir das anders hielten.

 Wenn sie nicht so bekannt wäre müsste die Jahreslosung 2012 muss uns eigentlich seltsam vorkommen: Paulus schickt uns ins Neue Jahr und sagt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig! Lieber Paulus, was schreibst du denn da? Schwäche ist doch furchtbar, ich will Gesundheit, Glück und Gelingen.  

Sicher hätte auch Paulus sich gern an Stärke und Gesundheit erfreut und sich wie die anderen Glück und Gutes gewünscht. Aber sein Leben lief eben nicht so glatt und einfach. Und seine Frage lautet deshalb: Was bin ich, wenn die Dinge nicht gut gehen? Wenn die Neujahrswünsche sich nicht erfüllen? Wer bin ich noch, wenn es schwer wird?  

Paulus hatte mit schweren Widerständen zu kämpfen. Da gab es mitten in der Kirche Leute, die ihn nicht so ganz für voll nahmen. Er war kein brillanter Redner. Er machte nicht viel her als Person. Und seine Auffassungen waren kompliziert, anstrengend zu denken, irgendwie nicht so leicht eingängig. Andere konnten eher das Herz der Leute erwärmen.

Paulus hatte aber nicht nur mit schweren Widerständen zu kämpfen, sondern auch mit persönlichen Problemen. Er spricht von einem Pfahl im Fleisch. Man weiß nicht genau, was es bei Paulus war: Ein Augenleiden, eine angina pectoris oder epileptische Anfälle? Wir wissen nur, wie es Paulus erlebte: Als Dorn im Fleisch, als seelische und geistliche Blockade, die ihn hinderte, ihm wehtat, ihn im Griff hatte. „Jesus, was könnte ich für dich alles tun, wenn ich das nicht hätte“. Aber seine Bitte bleibt unerhört. Der Pfahl im Fleisch, die Schwäche blieb. Schwäche, das heißt: Da ist etwas, das habe ich nicht im Griff, das kann ich nicht kontrollieren, sondern das kontrolliert mich. 

Solange wir alles im Griff haben, solange, sagt Paulus, sind wir trotz allem stark. Auf der sicheren Seite, der Seite von Glück und Erfolg. Aber es kann eben auch sein, dass unsere Bitte um Gesundheit, Gelingen und Glück unerhört bleibt. Und dann beginnt das, was niemand will, nämlich schwach zu sein, ohnmächtig, ausgeliefert.  

Als Jesus mit Paulus redet und ihm erklärt, warum seine wichtige Bitte nicht erhört wird, da sagt er ihm nicht: Schwäche ist fein, Gesundheit ist unwichtig, gutes Gelingen ist egal. Was er ihm sagt, ist etwas anderes. Und was er uns mitgibt ins neue Jahr, ist etwas anderes:  

Er sagt dem Paulus und uns: Meine Gnade ist Dir gewiss, egal, was das Jahr Dir bringt und was das Leben Dir zumutet. Ich bin in jedem Fall bei Dir und für Dich. Das ist Gnade: Ich bin in jedem Fall bei Dir und für Dich. Dass ich bei Dir und für Dich bin, kannst Du aber nicht daran ablesen, ob Dir alles gelingt und es Dir immerzu gut geht. Meine Gnade ist Dir trotzdem gewiss.  

Und er sagt dem Paulus und uns: Meine Gnade genügt. Vergebung all Deines Versagens. Hoffnung auf Gottes neue Welt. Das Ja über Deinem Leben, nicht erst am Ende, und nicht als Ergebnis Deiner guten Bemühungen wie ein Examenszeugnis überreicht, nein, das Ja über Deinem Leben, vorab gegeben, unwiderruflich ausgesprochen. Eine Heimat, die nicht verloren geht. Ein Schatz, der nicht rostet. Meine Hand, die Dich hält. 

Und dann zeigt er Paulus noch ein Geheimnis: Meine Gnade wirkt. Sie ist stark. Sie macht etwas aus deinem Leben. Sie wirkt durch dich – für andere. Es ist ein Geheimnis, dass ich das besonders gerne und außerordentlich gut durch Menschen tue, bei denen ein Pfahl im Fleisch steckt. Durch Leute, die nicht viel hermachen, die man gerne übersieht, weil sie klein sind,   weil sie schwach erscheinen. Ihre Kraft ist gering. Das ist wie ein Vakuum, das Christus füllt. Solche Leute haben etwas vom Wesen des Gekreuzigten an sich. Jesus selbst tat sein größtes Werk in der Stunde seiner extremsten Schwäche.

Und jetzt sucht er sich solche Leute, schwach, angegriffen, schmerzhaft eingeschränkt, mit einer schwierigen Lebensgeschichte, und durch sie strömt seine Kraft. Durch sie kommt ein Wort, das tröstet und heilt. Eine überzeugende Art zu glauben. Ein Leben, das anderen Hoffnung macht, weil es zeigt, dass man auch mit dem Schweren leben kann. Gnade ist stark, auf eine eigentümliche, eigenartige Weise.  

Gnade, die gewiss ist, genügt und stark macht, wird uns zugesprochen, wenn wir die Jahreslosung hören. Das ist kein Nein zu guten Wünschen für Gesundheit und Glück. Es ist ein Mehr und ein Jenseits dieser Wünsche. Es ist ein sicherer Grund. Was immer das neue Jahr bringt: Jesus ist gewiss, er genügt und er macht stark. Und dann sagen Gottes Leute: Daran will ich es mir genügen lassen.

Ihr Pfarrer Stefan Engelhart