Die Martinskirche in Übrigshausen ‚ein starkes Stück Geschichte‘

 von Dr. Eberhard Rau

 

 

 

 „Die Kirche steht mitten im Ort, und ist vor mehreren Jahren beinahe ganz umgebaut worden. Sie ist gegenwärtig in einem guten Zustand, für die dortige Gemeinde hinreichend geräumig, hell und zum Predigen vorzüglich geeignet.“ So beschreibt im Jahre 1827 Pfarrer Rüdinger aus Enslingen, der zu dieser Zeit den Gottesdienst in Übrigshausen versehen hat, die Martinskirchen.

Erste Nennung 1363
Eine Kirche für Übrigshausen taucht in den Quellen erstmals für das Jahr 1363, also vor fast 650 Jahren auf, als Burkhart Sulmeister, Pfarrer aus Münkheim, verpflichtet wird, an jedem zweiten Sonntag, am Martinstag und zu Kirchweih hier eine Messe zu lesen.
Der erste Kirchenbau ist vermutlich noch älter, da der Hohenloher Raum, der im Mittelalter zum Einflussgebiet des Hochstifts Würzburg gehörte, bereits ab dem 8. Jahrhundert über sog. Urkirchen (zum Beispiel die Stöckenburg und die Comburg) christianisiert worden ist. Besonders frühe Kirchengründungen waren dabei dem Heiligen Martin, dem Bischof v. Tours (316-397 n.Chr.) und fränkischen Nationalheiligen geweihte Kirchen.
Die Lage des Chorturmes an der Ostseite, seine über 1m dicken Mauern und die runde Form des Chorbogens im Inneren lassen darauf schließen, dass der Kirchturm wohl bereits aus romanischer Zeit stammt.

Zweiter Kirchenbau 1515
1515 – also noch vor der Reformation – erteilte der Würzburger Fürstbischof Lorenz v. Bibra die Genehmigung, das alte, wohl weitgehend aus Holz erbaute Kirchlein abzureißen und eine neue St. Martinkirche  zu erbauen.  Leider gibt es keine alten Baupläne für diesen Kirchenbau. Dendrochronologische Untersuchungen der Rüsthölzer (Bestimmung ihres Alters anhand der Jahresringe) im ersten und zweiten Stock  bestätigen, dass das Holz um die Jahreswende 1514/1515 geschlagen worden ist.

Untersucht man die heutige Kirche noch genauer, so entdeckt man eine ganze Reihe von Hinweisen auf das Aussehen dieses zweiten Kirchenbaus. Am Chorturm befindet sich noch das Anschlaggesims des Daches des alten Kirchenschiffes.  Aus dessen Verlauf  kann man rekonstruieren, dass der Dachfirst des Satteldaches etwa 1.7 m niedriger  als heute war und der Traufbereich in der Höhe der heutigen oberen Fensterfelder lag.

An er südlichen Außenwand ist außerdem  ein knapp 2m hohes und 1,65m breites altes Türgewand aus Sandstein zu entdecken. Dies war der Eingang der früheren Kirche. Da er unmittelbar zum Kirchhof führte, wurde er früher auch Totentürle  genannt. Dieser  Eingang  lag  bei den Dorfkirchen dieser Zeit  immer an der Südwestecke des Kirchenschiffes, weshalb man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen kann, dass es ca. 4 Meter kürzer als heute war. Insgesamt gesehen war das Kirchenschiff von St. Martin im 16. Jahrhundert also um ein Drittel niedriger und kürzer.
Rechts über dem alten Kircheneingang erkennt man das Sandsteingewand eines ehemaligen Rundfensters, ein sog. Occulus (Ochsenauge), durch das jedoch nur wenig Licht in das Gotteshaus drang. Die Kirche des 16. Jahrhunderts hatte innen wohl bereits eine Empore mit  Innenzugang (Weiber- und Kinderbänke unten, Männerbänke oben) und  die am Chorturm angebrachte heutige Kanzel.

Die Kirche in Übrigshausen ist von Anfang an als Wehrkirche angelegt worden. Sie liegt auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel an der höchsten Stelle von Übrigshausen und der sie umgebende ehemalige Kirchhof ist bis heute von einer bis zu  2,90 m hohen Steinmauer eingefasst. In den massiven Chorturm sind in den unteren beiden Stockwerken schmale Schlüsselscharten und T-Scharten (Breitmaulscharten) eingelassen, die sich nach innen auf über 70 cm verbreitern und die für den Einsatz von Armbrustwaffen (Hakenbüchsen) vorgesehen waren. Ob solche Feuerwaffen zu Verteidigungszwecken in Übrigshausen auch eingesetzt worden sind, ist nicht belegt. Sicher dienten die unteren Stockwerke des Chorturms und der eingefriedete Kirchhof als Schutz-, Zufluchts- und Vorratsstätte für Mensch und Vieh, etwa bei den Durchzügen und Plünderungen schwedischer und kaiserlicher Truppen während des 30-jährigen Krieges. Die großen rechteckigen Scharten im obersten Stockwerk waren dagegen reine Beobachtungsöffnungen: Bis hin zum Landturm an der Haller Landhege im Norden und  zum Kochertal im Süden konnte man von hier aus sehen.
1541/43 wurde im Gebiet der freien Reichsstadt Hall unter Johannes Brenz und damit auch in Untermünkheim die Reformation eingeführt. Aus St. Martin wurde die Martinskirche, und es wurde fortan der Gottesdienst evangelisch und in der Muttersprache gepredigt. Erster Pfarrer war Simpertus Holderbusch.

Kirchenerweiterung 1810/11
Die Martinskirche in ihrer heutigen Gestalt geht auf das Jahr 1810/11 zurück. Vor genau 200 Jahren wurde das Kirchenschiff in westliche Richtung verlängert und erhöht, um mehr Sitzplätze für die wachsende Bevölkerung in Übrigshausen, Steigenhaus und Kupfer zu schaffen. Die Kirche erhielt einen neuen Eingang an der Giebelseite im Westen und an der Nordseite eine Außentreppe als Zugang zur Empore. Neue und große klassizistische Fenster ließen nun mehr Licht ins Innere des Gotteshauses.

Übrigshausen war ununterbrochen Filiale der Pfarrei Untermünkheim, eine Filialkirchengemeinde mit eigener Kirchengemeindevertretung und Kirchenpflege. Lediglich in der Zeit von 1807 – 1830, kurz nachdem die Reichstadt Hall zum Königreich Württemberg kam, war sie mit der selbständig gewordenen Pfarrei Enslingen verbunden, an die nun auch der Kleine Zehnt (z.B.Erbsen), und der Blutzehnt (z.B. Geflügel) zu entrichten war. Der am Anfang erwähnte Pfarrer Rüdinger kam 1827 zum Predigen noch mit eigenem Gespann nach Übrigshausen und erhielt als Gegenleistung Brennholz, Futter und ein Vesper/Mittagessen. Später wurden die Pfarrer von Untermünkheim von den Gäulbauern aus Übrigshausen und Kupfer mit der Kutsche (Chaise) geholt, so die Pfarrer Gerhard (1891-1924) und  Mammel (1925-1953). Vielleicht erinnern sich die älteren Einwohner noch daran. Pfarrer Vogel (1953-1976) kam bereits mit dem eigenen Auto. 

Der im 19. Jahrhundert zunehmend zu klein gewordene Begräbnisplatz im Kirchhof wurde nach 1886 an den Ortsrand am Weg nach Kupfer verlegt, und der nun freie Platz als Gartenland an die örtlichen Schullehrer  verpachtet, erstmals an Lehrer Zeiter, der 40 Jahre lang gegenüber der Kirche im ehem. Haus Fritsch unterrichtet hatte  und – wie zu jener Zeit üblich – zugleich die Stelle als Organist der Kirche innehatte.

In den letzten hundert Jahren hat sich das Außenbild der Martinskirche nur noch geringfügig verändert. Den 2. Weltkrieg hat die Kirche trotz starker Kriegsschäden in unmittelbarer Umgebung gut überstanden. Renovierungsarbeiten galten immer wieder  der Fassade und besonders dem Glockenturm, der sich ständig leicht nach Südosten absenkt. In den sechziger Jahren wurde anstelle der offenen Emporentreppe an der Südseite ein rundes geschlossenes Treppentürmchen angebaut und ein neuer Treppenzugang durch die Kirchhofmauer im Bereich des alten Brunnens geschaffen. Ende der achtziger Jahre ist im Rahmen der Dorferneuerung das Umfeld der Kirche neu gestaltet worden. 

Kirche neu gestaltet worden. Ein - auch historischer - Blick ins Innere

Die Martinskirche in Übrigshausen – 1363 erstmals erwähnt, 1515 neu erbaut, mit dem 1810/11 verlängerten und erhöhten Kirchenschiff – ist im Inneren schlicht und  kühl gehalten und mit nur  wenigen Schmuckelementen ausgestattet. Das braune Holz der Bänke, der Emporeneinfassungen und der Kirchenschiffdecke verleiht dem Raum dennoch eine gewisse Wärme.
Eine gute Übersicht erhält man, wenn man in der dritten oder vierten Reihe rechts oder links des Mittelgangs Platz nimmt und den Blick schweifen lässt.
In der Wandnische des mit weißer Farbe hervorgehobenen romanischen Chorbogens ist der Altar mit dem Holzkruzifix, über dessen Alter es keine Aufzeichnungen gibt. Zu beiden Seiten des Altars führt eine Tür mit schmiedeeisernen Türbändern in die Sakristei, von der eine Treppe in den dreistöckigen Chorturm hinauf bis zum Glockenturm führt.
Der Taufstein stand früher (wie übrigens auch der Altar)  mittig und zentral vor dem Chorraum. Er ist heute auf die rechte Seite verrückt worden, wodurch vorne mehr freier Platz entsteht.
Links in die Chorwand eingelassen ist eine kleine, mit einer Gittertür verschlossene und mit einem spätgotischen Sandsteinrelief geschmückte Nische. Es handelt sich hierbei um das ehemalige Sakramentshäuschen, das sog. Tabernakel von St. Martin.  Vor der Reformation wurden in dieser Wandnische die in der Heiligen Messe gewandelten Hostien aufbewahrt, und das Sakramentshäuschen war zugleich Ort  stiller Anbetung. Gitter- und hölzerne Innentür sowie die Art des Kielbogens des die Wandnische umgebenden Sandsteinreliefs weisen darauf hin, dass dieses Kleinod aus der Zeit des neuen Kirchenbaus Anfang des 16. Jahrhunderts stammt.

Über dem Chorbogen befindet sich in Emporenhöhe die Wandkanzel, die der Pfarrer über den Sakristeiraum  erreicht. Ihre Holzprofile zeigen Elemente des Barock und der Renaissance und beim genauen Hinsehen erkennt man noch Reste einer früheren Bemalung. Am Kanzel-eingang befand sich früher eine hölzerne Erinnerungstafel an die Hungerjahre 1816/17, deren Inschrift Pfarrer Gerhardt in der Pfarrbeschreibung von 1905 wie folgt festgehalten hat: „Zum Andenken 1817 war ein Jahr harter und großer Teuerung…“ Wo mag diese Tafel wohl verblieben sein ?
Leider wird die schmucke Kanzel  von der Orgel, die auf der linken Emporenseite nachträglich eingebaut wurde und von einem massiven  runden Tragbalken gestützt wird, fast erdrückt. Die Orgel der Martinskirche  wurde 1843 von dem Orgelbauer Johann Georg Schäfer aus Göppingen erbaut  und zählt sechs Register. Damit hatte die Martinskirche in Übrigshausen acht Jahre vor der St. Bricciuskirche in Enslingen eine musikalische Stütze zur Erbauung im Gottesdienst. Finanziert wurde sie weitgehend durch Spenden der Gemeinde- und Kirchengemeindemitglieder  selbst  – Ausdruck  einer recht wohlhabenden Bauernschaft Mitte des vorletzten Jahrhunderts  hier auf den ebenen und fruchtbaren  Ackerböden über dem Kochertal.  Ältere Mitbürger erinnern sich noch, wie sie als Schüler als Orgelzieher oder Balgtreter die Luftversorgung des Instruments mehr oder weniger gut sicherstellten und dafür „einen Zehner“ erhielten. Heute übernimmt diese Tätigkeit ein Elektrogebläse.
Im vorderen Kirchenschiff waren zu beiden Längsseiten zwei Bänke aufgestellt, links für den Pfarrer und den Mesner, rechts für die Läutebuben, die bis Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts  zu Beginn des Gottesdienstes die drei Glocken und beim ‚Vaterunserbeten‘ am Schluss die kleine Glocke von der Sakristei aus mittels Glockenseilen läuten mussten. 1958 wurde ein elektrisches Geläut eingebaut.

Aus alten Kirchenplänen geht hervor, dass bis etwa 1910 hier in unmittelbarer Nähe zum Altar und zum Pfarrer ca. zwölf besondere Kirchenstühle aufgestellt waren.  Sie waren für die Gemeindehonoratioren  reserviert, für  Schultheiß, Lehrer, die Pfarrfamilie und angesehene Bauern aus Übrigshausen und Kupfer. Zum Teil waren sie auch nummeriert und wurden als sog. Hausstühle über Generationen gepachtet und an die Nachkommen vererbt.
Eine elektrische Beleuchtungsanlage  erhielt die Martinskirche erst 1939 als Spende der Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall. Zuvor war es bei den Gottesdiensten, besonders im hinteren Teil des Kirchenschiffs daher recht dunkel. Im Rahmen einer gründlichen Innenrenovierung wurde in diesem Jahr auch ein bequemeres Gestühl mit Fußbrett  eingerichtet, nachdem zuvor schon der Steinboden unter den Kirchenbänken mit Brettern versehen worden war. Eine Ofenheizung erhielt die Kirche erst  1910.
Zur Empore gelangte man im 16. Jahrhundert über eine hölzerne Innentreppe im hinteren Teil des Kirchenschiffs. Im Zuge der Kirchen- erweiterung 1810/11 wurde sie durch eine steinerne offene Außentreppe an der Nordseite ersetzt. Seit 1969 ist die Empore über ein geschlossenes Treppentürmchen an der Südseite erreichbar. Längst ist die frühere Trennung von ‚Weiber unten‘ und ‚Männer oben‘ aufgehoben und der Pfarrer sowie die Gottesdienstteilnehmer freuen sich, wenn die unteren Bankreihen am Sonntagmorgen gut besetzt sind.
                                                                                                                                                                                                      Dr. Eberhard Rau 

Quellen: Kirchenarchive Untermünkheim und Enslingen

Landeskirchenarchiv Stuttgart
Ortsarchiv Übrigshausen
Auskünfte von verschiedenen Bauhistorikern
Bilder von Wilfried Kraft