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St.Bricciuskirche Enslingen

"Eine kleine Kirchenführung" von D.Worbes



Liebe Besucherin, lieber Besucher,


Wir freuen uns, dass Sie die Enslinger Kirche besuchen und begrüßen  Sie herzlich! Vielleicht sind Sie auf der Durchreise und wollen einfach ein paar Augenblicke der Stille genießen? Sie sind an der Geschichte der Kirche interessiert? Wir möchten Ihnen einige Anregungen für Ihren Aufenthalt in dieser kleinen Dorfkirche geben und laden Sie ein, etwas zu verweilen.

Zur Stille kommen

Eingangsgebet

Aus der Unruhe des Tages komme ich zu dir, Gott.
Lass mich Ruhe finden in deiner Nähe. Gib mir den Mut, 
das loszulassen, was mich gerade umtreibt. 
Lass mich deine Stimme hören, damit ich meinen Weg finde. Amen 

Namenspatron St. Briccius

Briccius war als Bischof von Tours der direkte Nachfolger des Heiligen Martin. Sein Namenstag ist der 13. November. Zu Lebzeiten des Heiligen Martin war er dessen Diakon. Das Verhältnis zu Bischof Martin war nicht ganz spannungsfrei. Trotzdem wurde er nach Martins Tod Nachfolger im Bischofsamt. Als er schon 30 Jahre Bischof war, bekam seine Haushälterin einen Sohn. Da lief das Volk mit Steinen vor seine Tür und bezichtigte ihn der Unkeuschheit. Bei einer Synode im Jahre 417 n.Chr. wurden die Anschuldigungen der Gegner als Verleumdung bezeichnet. Trotzdem wurde Briccius weiter angefeindet und aus dem Amt getrieben. Er unternahm eine siebenjährige Bußfahrt nach Rom und kehrte danach wieder zurück. Nach weiteren 7 Jahren im Bischofsamt, in denen er ein löbliches Leben führte, starb er im Frieden. 


Orgel


Betritt man die Kirche, fällt der Blick auf die Orgel im Altarraum. Sie wurde 1851 von den Brüdern Link aus Heidenheim für diesen Platz angefertigt und aufgestellt, das Erstlingswerk der Linkbrüder, ein Kleinod bis heute. Sie kostete 800 Gulden. Finanziert wurde sie durch Spenden der Gemeindeglieder, durch Gelder einer Stiftung und Unterstützung der politischen Gemeinde. Da haben sich zum ersten Mal die Menschen der zur Enslinger Kirche gehörigen Orte Enslingen, Schönenberg und Gaisdorf zusammengetan, um für ihre Kirche diese große Anschaffung zu bewältigen. Bis dahin kam die Stadt Hall für alles auf, was die Kirche betraf. Die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts gingen auch an der Orgel nicht spurlos vorbei. 1916 wurden die Orgelpfeifen ausgebaut und zu Gewehrkugeln eingeschmolzen. Erst 1921 wurden die Pfeifen wieder durch billiges Zinnmaterial ersetzt. 1983 erfolgte eine grundlegende Renovierung.Seither erklingt die einmanualige Orgel zum Lob Gottes, auch wenn sie seit einigen Jahren "Konkurrenz" bekommen hat: das elektrische Klavier, der Posaunenchor und andere Instrumente gesellen sich neben die Orgelklänge. 


Altar

Wollen wir uns die Kirche des 15. Jahrhunderts vorstellen, müssen wir die Orgel wegdenken. Ungefähr dort, wo jetzt die Orgelbank steht, befand sich der Hauptaltar, der St. Briccius geweiht war. Um 1500 gab es außerdem zwei weitere Altäre an den Seiten. Der eine war den Heiligen Gunther, Victor und Quirinius geweiht, der andere den 14 Nothelfern. Von 1497 bis zum Bauernkrieg 1525 gab es eine Wallfahrt zu den Vierzehnheiligen, bei der viel Geld einkam, das zum Bau des Chores von St. Michael in Hall verwendet wurde. Bis 1564 war noch der katholische Kaplan Herold hier. Er hielt am altenBrauch fest, zelebrierte weiter die lateinischen Frühmessen, erhielt vonden Herren zu Hohenlohe bis zu seinem Tode ein Gehalt und durfte imPfarrhaus wohnen. Daran scheiterten bis 1564 alle Versuche der Stadt Hall, die Reformation in Enslingen einzuführen. Der erste evangelische Pfarrer bzw. Diakonus hieß Baltasar Müßiggang. In der Chronik von Enslingen befindet sich eine lateinische Grabinschrift über ihn, die auf den Namen otia müßig(gang) Bezug nimmt und ungefähr besagt, dass er ehrbar gelebt hat, sich jetzt aber des Müßiggangs am lichten Berg erfreue. 

Wandmalereien

Schauen wir uns nun den Altarraum genauer an, so entdecken wir am romanischen Chorbogen Wandmalereien. Im Rankenwerk entdecken wir die fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen. Bis zu diesem Bogen war der Kirchenraum für das Volk zugänglich. Kamen sie zum Empfang der Hostie nach vorn, so sahen sie dabei dieses Bild und fragten sich wohl, bin ich bereit, zur Hochzeit einzutreten? „Hochzeit“ steht für das wahre Leben – das Himmelreich. Der dahinter befindliche Altarraum hat vermutlich eine Ahnung von der heilen Welt Gottes vermittelt. Dort am Altar fand die heilige, heilbringende Handlungstatt, die der Priester vollzog. 

Wir gehen nun in diesen heiligen Raum hinein und schauen nach oben. Wir entdecken die Symbole der vier Evangelisten: Matthäus (Engel), Markus (Löwe), Lukas (Stier) und Johannes (Adler). An der Nordwand sehen wir einen Sakramentsschrein zwischen zwei Engeln. Sie bewachen das Allerheiligste, die geweihte Hostie und die heiligen Gefäße. Im Dreieck über dem Allerheiligsten ist ein Kopf auf dem Hintergrund eines Kreuzes zu sehen. Hier ist der dreieinige Gott in einer einfachen Bildsprache ausgedrückt. 

Kruzifix und Kanzel

Auf dem jetzigen Altar befindet sich ein Kruzifix, das vermutlich von 1653 stammt und die aufgeschlagene Bibel. Mit der Reformation veränderte sich die Form des Gottesdienstes. Es ging nicht mehr um den Vollzug einer heiligen und heilbringenden Handlung, sondern um Verstehen. Die Predigt in der Muttersprache stand nun im Mittelpunkt des Gottesdienstes. Deswegen hatte 1577 der Haller Bürger, Conrad Büschler, die Kanzel gestiftet. Bei den Frühmessen gab es ein Kommen und Gehen. Die Gläubigen sprachen an einem der Seitenaltäre ein Gebet zu einem der Heiligen Nothelfer, empfingen die Hostie und den Segen. Bänke waren dafür kaum nötig, wären vielleicht sogar störend gewesen. Um einer Predigt zuhören zu können, wurden sie dagegen, wünschenswert. Bis 1845 ging es in der kleinen Kirche sehr eng zu. Die aufgestellten Bänke reichten nicht aus. Die Erweiterung des Kirchenschiffes mit dem Einbau der Empore für die Männer war längst überfällig gewesen. Sie hat sich bis heute recht gut bewährt, wenn auch die Sitzordnung Männer oben, Frauen unten, nicht mehr zwingend ist. 


Empore

Gehen wir auf die „Männerempore“ hinauf, finden wir an der Nordwand der Kirche eine   Nische, mit einer Erinnerungstafel an die Hungersnot 1816/17. Durch den Vulkanausbruch des Tamboa im heutigen Indonesien waren Staub und Gase in die Atmosphäre geraten und um den Erdball gewandert. Sie hatten dazu geführt, dass es 1816 auch in unserer Region keinen Sommer gab und demzufolge einen fast totalen Ernteausfall. Die Tafel erinnert an diese Katastrophe, und dass den Armen geholfen wurde. An der gegenüberliegenden Wand werden wir an eine andere von Menschen verursachte Katastrophe – den 2 Weltkrieg erinnert. Die lange Liste der Gefallenen und Vermissten zeugt von dem großen Leid in vielen Familien. 


Turm

Wollen wir nun noch auf den Turm steigen, führt unser Weg durch den „ElternKindRaum“. Dort können Eltern während des Gottesdienstes mit ihren Kleinkindern hingehen, falls die Kleinen zu unruhig werden. Die Predigt wird in den Raum übertragen, so dass die Eltern gut zuhören können, auch wenn die Kinder nicht ganz ruhig sind. Steigen wir nun die enge Treppe hinauf, gelangen wir über den Kirchenboden in den Turm mit seinen im unteren Bereich 1,20 m dicken Mauern. Wir steigen einige Etagen hinauf, sehen im untersten Bereich noch einen Kasten, der die Orgelbälge beherbergt und auf dem Fußboden die alte Durchführung eines Glockenseiles, das vom Altarraum bedient werden konnte (zum VaterunserLäuten), gelangen immer höher hinauf an etlichen Schießscharten vorbei. In einigen kann man sich noch gut die Wächter mit ihren Hakenbüchsen vorstellen, von denen Widmann in seiner Chronik berichtet hat. Da im Bauernkrieg ein Enslinger mit Namen „Höldlin“ solche Büchsen entwendete, scheint die Wehrherrlichkeit der Kirche damit zu Ende gegangen zu sein. 


Glocken

Nun sind wir endlich bei den Glocken angelangt. Die älteste Glocke (Ø 920 mm, 550 kg) hängt auf der Südseite des Turmes. Sie trägt neben den Namen der vier Evangelisten die Jahreszahl 1461 und wurde in der Heilbronner Werkstatt des Daniel Eger gegossen. Sie soll auf die frohe Botschaft von Jesus hinweisen. In der Gießerei von Daniel Eger arbeitete Bernhard Lachmann mit, der nach dem Tode des Meisters die Werkstatt mit der Witwe weiterführte und später im eigenen Namen Glocken fertigte. Die in der Mitte hängende Glocke von 1508 (Ø 1140 mm, 965 kg) trägt die Umschrift: „Osanna heiß ich + zu unser fraven er leut ich + Bernhard Lachmann goss mich.“ Das „Osanna“ erklang in der Messe und bedeutet: Bitte Gott, hilf doch! Diese Glocke sollte also zu dem Hilfsangebot Gottes einladen, das in der Messe, dem heiligen Abendmahl, besteht. Der zweite Teil der Umschrift weist auf die Verehrung hin, die Maria als Mutter des Herrn „unser fraven er“ (Ehre) genießt. Die kleine Glocke an der Nordseite trägt die Jahreszahl 1723, 

(Ø 780 mm, 290 kg). Sie ist geziert mit dem Haller Wappen und auf der gegenüber liegenden Seite mit einem Kruzifix unter dem zwei Personen stehen, die Mutter Maria und der Lieblingsjünger Johannes. Diese Glocke wurde in Hall gegossen.

Alle drei Glocken waren in den beiden Weltkriegen in ihrer Existenz bedroht, weil sie zu Kriegszwecken eingeschmolzen werden sollten. Die kleine Glocke war im ersten Weltkrieg schon vom Turm gebracht worden, kam aber nach dem Krieg unversehrt zurück. 1940 war angeordnet worden, alle drei Glocken für Kriegszwecke einzuschmelzen. 1942 wurden die zwei alten Glocken abgeholt. Sie kamen aber 1948 glücklicher Weise wieder zurück. Um die Jahrtausendwende waren die beiden alten Glocken noch einmal auf Reisen. Die Osanna hatte einen Haarriss. Bei der Gelegenheit wurden die Glocken gründlich saniert. Mögen sie noch lange ihren Dienst zur Ehre Gottes und zum Segen für die Gemeinde tun. 


In Enslingen, Schönenberg und Gaisdorf leben ca. 600 Gemeindeglieder. Vielen ist die Enslinger Kirche Heimat geworden. Von den Kleinsten bis zu den Ältesten – hier ist Raum für alle. Damit dies gelingt, ist auf der Empore ein ElternKindRaum eingerichtet worden. Dort können Kleinkinde spielen und gleichzeitig ihre Eltern den Gottesdienst mitfeiern. Kinder ab dem 3. Lebensjahr gehen nach dem ersten Lied in die Kinderkirchgruppe ins Bürgerhaus. Unsere Gottesdienste sind Mittelpunkt unseres Gemeindelebens und Treffpunkt für alle. Wir feiern im Gottesdienst Jesus Christus, den Auferstandenen. Wir loben Gott für seine Größe und Taten. Im Gottesdienst kommt es zu guten Begegnungen. Wir begegnen Gott und uns untereinander. Durch Gottes Wort erfahren wir Vergebung, Trost und Mut zur Veränderung. Im Gottesdienst sind alle willkommen: Alleinstehende und Familien, Einfache und Intellektuelle, Traurige und Fröhliche, Junge und Ältere, Nahe und Ferne und natürlich Sie!  

Bei weiteren Fragen zur Geschichte der Kirche können Sie sich gerne an Pfr. Dietrich Worbes (07906 892288) wenden